JKKSL vs. Stillen – Sibylle Lüpold zum Hinauszögern von Stillmahlzeiten

JKKSL vs. Stillen – Sibylle Lüpold zum Hinauszögern von Stillmahlzeiten

Es ist ja schon irgendwie verrückt: In einigen Teilen der Welt sterben täglich tausende Kinder an Hunger – hierzulande leben wir im Überfluss, haben sogar die Wahl zwischen der artgerechten Säuglingsernährung und Formulamilch, und dennoch werden Babys zugunsten des frühen Durchschlafens auf Diät gesetzt. 

Eine der Kernaussagen des Buches „Jedes Kind kann schlafen lernen“ ist, Babys seien ab 6 Monaten biologisch soweit ausgereift sind, dass sie keine nächtliche Nahrung mehr bräuchten und demnach 10 Stunden durchschlafen könnten. Woher diese Annahme stammt, bleibt im Verborgenen. Aber auch schon deutlich jüngere Babys sollten bereits – damit laut Autoren das Schlafprogramm im Kapitel 3 erst gar nicht angewendet werden müsse – auf längere (nächtliche) Nahrungspausen getrimmt werden.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAHierzu habe ich einmal Sibylle Lüpold, Stillberaterin der LaLecheLiga und Buchautorin („Ich will bei euch schlafen“ und „Stillen ohne Zwang“) befragt.

Zum Stillen tagsüber heißt es in JKKSL im Kapitel 2 (So wird Ihr Kind von Anfang an ein „guter Schläfer“) auf Seite 48, stündliches Stillen sei nur bei einigen sehr zarten Neugeborenen sinnvoll, oder wenn die Milchproduktion noch nicht so recht in Gang gekommen sei. Einem gesunden, gut zunehmenden Kind könnten im Alter von 4-6 Wochen dreistündige Pausen zugemutet werden. Was ist dran?

Ich möchte hier zuerst etwas Grundsätzliches sagen: Das, was die Autoren von JKKSL empfehlen, ist zwar möglich und die gewünschten Resultate stellen sich bei genügend Durchhaltevermögen seitens der Eltern eventuell auch ein. Es ist immer die Frage, wessen Bedürfnisse mehr gewichtet werden und natürlich können Eltern ihre Zuwendung nach der Sparflammen-Methode (nur so viel wie unbedingt nötig) gestalten. Ich denke aber, dass das längerfristig auch nicht im elterlichen Interesse ist, weil die Mankos, die ein Kind dadurch mit sich trägt, seine (Autonomie)Entwicklung beeinträchtigen können. Heute reicht es den meisten Eltern nicht mehr, dass ihr Kind einfach „gross wird“. Sie haben vermehrt den Anspruch, dass es auch glücklich ist und sein Leben auf einem stabilen Fundament aufbauen kann. Das bedeutet aber, dass an Zuwendung (dazu gehört bei einem Stillkind auch das Stillen nach seinem Bedarf) nicht gespart werden sollte. Ich erlebe es doch immer mehr, dass Eltern sehr bemüht sind, ihrem Kind all das zu geben, was es braucht und dass sie dabei über ihre eigenen Grenzen hinauswachsen. Das stärkt sowohl das kindliche als auch das elterliche Selbstvertrauen. Insofern finde ich es absolut bedenklich, wenn diesen Eltern nahegelegt wird, ihr liebevolles Engagement sei völlig unnötig, wenn nicht sogar falsch. Dadurch werden sie verunsichert und in ihrem gesunden, instinktiven Verhalten gehemmt. 

Mit 4-6 Wochen läuft das Stillen bei vielen Mutter-Kind-Paaren noch keineswegs problemlos. Feste Stillrhythmen oder zu lange Pausen zwischen den Stillmahlzeiten können zu Schwierigkeiten (mangelnde Gewichtszunahme, Saugschwierigkeiten des Kindes, ungenügende Milchmenge bei der Mutter uvm.) führen resp. solche verfestigen. Die Mutter befindet sich noch in der Zeit des Wochenbettes, einer sehr sensiblen Phase also, in der Mutter und Kind einander kennen lernen und die Mutter die Signale ihres Kindes idealerweise langsam deuten kann. Ausserdem haben alle Kinder in Bezug auf das Stillen ein anderes Temperament und andere Bedürfnisse. Da gibt es einerseits Säuglinge, die kräftig und effizient trinken, so dass eine längere Pause zwischen den Stillmahlzeiten durchaus möglich ist. Auf der anderen Seite gibt es – meiner Meinung nach weitaus häufiger – Säuglinge, die nur kurz trinken und bald schon wieder Hunger/Durst haben oder die Geniesser, die ewig lange nuckeln möchten. Es kann zwischendurch Phasen geben, in denen ein Kind länger am Stück schläft oder nicht so oft gestillt werden möchte. Diese Phasen werden aber oft abgewechselt durch andere, in denen das Kind auf einmal stündlich oder zweistündlich an die Brust möchte und viele Mütter den Eindruck haben, sie würden „nur noch stillen“. Dieses Verhalten ist für Stillkinder ganz normal. Gründe dafür können u.a. Wachstumsschübe, Infekte oder Entwicklungsschritte sein.

Vor rund hundert Jahren war die künstliche Säuglingsmilch noch so schwer verdaulich, dass sie höchstens alle vier Stunden verabreicht werden durfte. Dieser Rat wurde von Kinderärzten irrtümlicherweise auch auf gestillte Kinder übertragen. Zwar hat sich die Empfehlung, ein Baby „nach Bedarf“ zu stillen, unterdessen glücklicherweise weitgehend durchgesetzt, da dies die Entwicklung des Kindes und auch die Stillbeziehung optimal fördert. Nur stellt sich im Beratungsalltag leider immer wieder heraus, dass die meisten Eltern gar nicht wissen, was „nach Bedarf“ bedeutet oder sich von fachlich unkorrekten Ratschlägen – wie diesen im Buch JKKSL – verunsichern lassen. Ein Baby erst dann zu stillen, wenn es schreit, ist keineswegs „Stillen nach Bedarf“. Schreien ist das letzte Zeichen, mit dem ein Baby seine Mutter darauf aufmerksam macht, dass es gestillt werden möchte. Wenn sie so lange wartet, bis es schreit, musste es erstens vermutlich schon eine Weile Hunger oder Durst leiden, zweitens wird es in vielen Fällen schwierig sein, es jetzt zu stillen.

Was bedeutet es für den Alltag mit einem Säugling, wenn dieser nach einem festen Rhythmus gestillt wird? Nehmen wir an, es sind seit der letzten Stillmahlzeit zwei Stunden vergangen. Nun möchte das Kind bereits wieder an die Brust, sei es aus Hunger oder Durst. Andere Gründe können aber auch sein, dass es sich unwohl fühlt, Schmerzen oder Angst hat oder Trost sucht. All diese Bedürfnisse können an der Brust optimal befriedigt werden und halten sich verständlicherweise nicht an einen Rhythmus. Die Eltern haben jedoch beschlossen, dass erst in einer Stunde wieder gestillt wird. Nun halten sie einen schreienden Säugling im Arm und versuchen, ihn auf umständliche Weise anders zu beruhigen. Das Kind möchte aber unbedingt an die Brust und schreit immer heftiger; die Eltern werden zunehmend unsicher oder sogar aggressiv, weil sie sein Schreien kaum ertragen. Ist dann endlich nach einer qualvollen Ewigkeit die Stunde vorbei, kann es sehr gut sein, dass das Kind so verstört oder aufgebracht ist, dass es gar nicht mehr angelegt werden kann. Wiederholen sich solche Vorfälle regelmässig, stören sie auf massive Weise die Kommunikation zwischen Eltern und Kind und den gegenseitigen Vertrauensaufbau. Wird ein Kind aber wirklich nach Bedarf gestillt, d.h. bevor es schreien musste, kann es ganz ruhig angelegt werden. Das Kind fühlt sich bestätigt, weil es in seinen Bedürfnissen ernst genommen wurde, aber auch die Eltern fühlen sich in ihrer Rolle kompetent.

Wir wissen nun, dass das Baby schon deutlich vor dem Schreien Signale sendet, wenn es stillen möchte. Leider werden diese im Buch JKKSL nicht aufgeführt sind. Welche Signale sind das?

Das Baby macht mit dem Mund Saugbewegungen, sucht und dreht das Köpfchen hin und her, schmatzt an den Händchen usf. Wird es bei diesen Anzeichen sofort gestillt, lernt es, seine Bedürfnisse weiterhin so ruhig zu äußern. Umgekehrt lernt ein Kind, das jedes Mal schreien muss, um an die Brust angelegt zu werden, dass seine Bezugsperson nur auf Schreien reagiert. Es wird damit aufhören, seine Bedürfnisse zuerst auf angenehme Art anzuzeigen, was vor allem in der Nacht unangenehm sein kann. Da gerade bei einem alleine schlafenden Säugling niemand seine subtilen Signale beachtet, wird er richtig wach und schreit laut los. Die Mutter schreckt vielleicht aus dem Tiefschlaf auf und muss aufstehen. Nun ist auch sie ganz wach. Ihr schreiendes Baby wird nicht mehr so leicht zu beruhigen sein – falls es dann doch wieder schläft, findet vermutlich die Mutter nicht mehr gut in den Schlaf. Wenn Mutter und Kind jedoch nah beieinander schlafen und die Mutter bereits auf die subtilen Signale ihres Kindes reagiert, können sich die Schlafrhythmen der beiden aneinander anpassen und die Mutter kann ihr Kind stillen, noch bevor es richtig erwacht. Somit fällt es auch der Mutter deutlich leichter, wieder in den Schlaf zu finden.

Untersuchungen von stillenden, nebeneinander schlafenden Mutter-Kind-Paaren in einem Schlaflabor haben ergeben, dass die Mutter innerhalb von Sekunden auf ihr Kind reagiert (dieses hat sich vielleicht erst ein bisschen zu bewegen begonnen), es im Liegen ansetzt und weiterschläft. Viele Mütter berichten davon, dass sie bereits wach werden, bevor ihr Kind sich meldet. Das ist im Idealfall ein absolut ruhiges und von aussen kaum wahrnehmbares Zusammenspiel des Stillpaares. Die Stillhormone helfen auch der Mutter, wieder gut einzuschlafen.

Auf Seite 49 wird „die späte feste Abendmahlzeit“ (von den Autorinnen Joanne Cuthbertson und Susie Schevill in ihrem Elternratgeber empfohlen) vorgestellt. Hiermit könne bereits ab dem dritten Lebenstag begonnen werden. Das Kind solle vor dem Schlafengehen der Mutter noch einmal explizit geweckt werden, wenn nötig durch erneutes Wickeln, sodass es künftig immer um diese Uhrzeit hungrig und viel trinken wird. Ist das wirklich ratsam?

Ratsam ist es meiner Meinung nach nicht, da es für das Kind keinen Vorteil mit sich bringt. Für Eltern, für die es undenkbar ist, sich nach dem Rhythmus und den Bedürfnissen ihres Kindes zu richten, kann so eine Methode natürlich passend sein. Wie gesagt, wenn Eltern konsequent genug sind, können sie ihr Kind dazu bringen, dass es seine Bedürfnisse nicht mehr anmeldet, resigniert und sich fügt. Ich persönlich bin überzeugt, dass solche erzieherischen „Erfolge“ nur auf Kosten der Beziehungsqualität möglich sind.

Die andere Frage ist jedoch, ob eine solche Methode auch bei einem Stillkind funktionieren kann. Ein Stillkind trinkt in der Regel an der Brust nur so viel, wie es mag. Wenn es satt ist oder genug hat, lässt es die Brust los. Keine Mutter wird es schaffen, ihr Kind zum Weitertrinken zu zwingen. Viele Eltern möchten gerne, dass ihr Kind abends noch richtig satt ist, um dann möglichst lange zu schlafen. Aber beim Stillen ist es eben so, dass Muttermilch rasch verdaut wird und das Kind auch rasch wieder Hunger hat. Das ist eine sinnvolle Einrichtung der Natur, um das Kind regelmässig mit wichtigen Nährstoffen zu versorgen und liebevolle Zuwendung zu ermöglichen. Es hat nicht zum Ziel, die Eltern zu nerven. Es geht hier unter anderem um die Hirnentwicklung des Babys. Dazu möchte ich mich auf die Aussagen von Dr. James McKenna beziehen, der sich intensiv und wissenschaftlich mit dieser Thematik befasst hat. Zum nächtlichen Stillen meint er, gestillte Babys würden nachts viel häufiger aufwachen als Säuglinge, die mit künstlicher Säuglingsnahrung ernährt werden. Dies komme daher, weil Kuhmilch dazu da sei, Kuhhirne mit viel geringerem Volumen im Vergleich zum menschlichen Gehirn wachsen zu lassen. Muttermilch hat die ideale Zusammensetzung für das ständig wachsende Gehirn des Säuglings, dessen Grösse sich im ersten Lebensjahr fast verdreifacht.

Es ist also aus Sicht der kindlichen Entwicklung nicht sinnvoll und auch nicht empfehlenswert, zu früh lange Schlafphasen und reduzierte (nächtliche) Stillmahlzeiten anzustreben.

Auf Seite 50 ist das „Hinauszögern der nächtlichen Mahlzeiten“ in einem Kasten deutlich hervorgehoben. Hier wird stichpunktartig die Vorgehensweise erklärt. Voraussetzung für die Vorgehensweise: Das Kind sollte gesund, mindestens 5kg wiegen und im Alter von 5-7 Wochen sein. Es wird dazu geraten, dass der Vater die „Nachtschicht“ übernimmt. (wörtlich: „Mamis Brust zu spüren, aber nichts zu bekommen, nehmen Babys meist übel.“) Der vermeintliche Erfolg würde sich nach 3-4 Tagen bemerkbar machen.
Der erste Schritt sei die eben schon erwähnte „späte feste Abendmahlzeit“. Wird das Kind danach wach, solle es nicht sofort gestillt werden. Streicheln, Reden, Schnuller geben, ja sogar Herumtragen oder Fernsehgucken seien erlaubt. Sollte sich das Kind durch diese „Ablenkungsmanöver“ nicht beruhigen oder gar von allein wieder einschlafen, solle ihm zunächst Wasser oder Tee angeboten werden. „Erst zuletzt bekommt es Milch aus dem Fläschchen oder Mamis Brust“ (wörtlich).
In den nächsten 4-5 Tagen soll durch diese Taktik die nächste Mahlzeit immer weiter „im besten Fall bis 5 oder 6 Uhr morgens“ ausgedehnt werden. Ziel dieser Prozedur ist, dass das Baby von ca. 23-5 oder 6 Uhr morgens ohne Nahrungsaufnahme schläft. Netterweise erscheint noch der Hinweis, dass das Kind möglicherweise noch nicht bereit ist für das Hinauszögern der nächtlichen Mahlzeiten, wenn es sich nach 4 Tagen, bzw. Nächten noch nicht an diese Prozedur angepasst hat. In diesem Fall solle man besser nochmal warten und 4 Wochen später erneut beginnen.
Ist es wirklich sinnvoll, ein so junges Baby hungern zu lassen?

Nein, wie gesagt, ist dieses Vorgehen nicht im Interesse der kindlichen Entwicklung. Der Magen eines Säuglings ist noch sehr klein und auf häufige Mahlzeiten angewiesen. Muttermilch ist im Gegensatz zur Milch anderer Säugetiere fettarm, verlässt den Magen schon nach einer halben Stunde und wird schnell verdaut. Die geringe Größe des kindlichen Magens und die Zusammensetzung der Menschenmilch geben einen guten Hinweis darauf, wie oft ein Baby gestillt werden sollte. So wie auch bei Erwachsenen kleine und häufige Mahlzeiten besser vertragen werden, verbessert sich dadurch auch das kindliche Wohlbefinden. Außerdem wird so schon früh das spätere Essverhalten positiv beeinflusst.

Das frühe Durchschlafen eines Kindes kann zu einer mangelnden Gewichtsentwicklung und einem Rückgang der mütterlichen Milchproduktion führen. Ein frühes Durchschlafen steht im Zusammenhang mit einem früheren Abstillen und ist schon allein deshalb nicht ratsam.

Die nächtliche Betreuung eines kleinen Kindes ist ohne Zweifel eine grosse Herausforderung für seine Eltern. Aus Erfahrung würde ich aber sagen, dass die Situation durch genau solche Vorgehensweisen (wie in JKKSL beschrieben) erschwert wird. Das, was Eltern dabei durchmachen, z.Bsp.  ihrem hungrigen und verstörten Kind das beruhigende Saugen an der Brust und die Nahrung verwehren, nachts mehrmals aufstehen, anstrengende Alternativen zum Stillen suchen, konsequent sein, das Schreien ertragen usf…, tönt für mich nach einer enormen Belastung für die Eltern-Kind-Beziehung, aber auch die Paar-Beziehung. Wenn Stillkinder jedoch von Anfang neben der Mutter schlafen dürfen, prompt, zuverlässig und feinfühlig betreut werden, dann bauen sie von Anfang an ein stabiles Selbst- und Urvertrauen auf (Ich bekomme, was ich brauche, Mama und Papa sind immer für mich da…). Ausserdem wird das Kind die Nacht und das Schlafen gar nicht erst mit unangenehmen Gefühlen verbinden, eine entspannte Einstellung dazu haben und weniger schreien. Längerfristig beschleunigt das die Schlafentwicklung des Kindes. Ich erlebe es aber so, dass viele Eltern ihr Kind erst dann zu sich holen, wenn das Alleine-Schlafen nicht geklappt hat. Die Situation ist dann anfangs oft nicht entspannt und das Kind muss sich immer wieder vergewissern, dass man es nicht wieder alleine lässt. Das braucht Zeit und Geduld. Eltern, die nach JKKSL oder ähnlichen Methoden vorgegangen sind, berichten nicht selten davon, dass ihr Kind sogar noch im Schulalter nachts schlecht schläft.

Auffallend ist, dass hier (und im gesamten Buch) das Füttern mit Formulanahrung und Stillen gleichgesetzt wird. Zwar sollte auch das Fläschchen nach Bedarf gegeben werden, jedoch gibt es dennoch Unterschiede zwischen Kunstmilch und Muttermilch, bzw. dem Stillen, die sich ebenfalls auf den Schlaf des Kindes auswirken. Welche Unterschiede sind das?

Untersuchungen zeigen, dass Stillkinder nachts tatsächlich häufiger wach werden und später durchschlafen als Kinder, die künstliche Säuglingsmilch erhalten. Das verleitet manche Eltern leider dazu, früh schon abzustillen. Es ist aber ein Trugschluss, dass ein abgestilltes Baby seine Eltern nachts nicht mehr brauchen wird. Genauso wie bei einem Stillkind führen Zahnungsbeschwerden, Krankheiten und Entwicklungsschritte zu vermehrtem nächtlichem Aufwachen, besonders zwischen 6 und 12 Monaten. Hier kann es ohne Stillen wesentlich anstrengender werden, das Wohlbefinden des Kindes zu unterstützen.

Wenn Eltern erkennen, dass das häufige nächtliche Aufwachen und Gestillt-Werden-Wollen ihres Kindes durchaus sinnvoll und wichtig ist (und kein erzieherisches Versagen!), können sie oft besser damit umgehen. Die Vorteile des nächtlichen Stillens sind unter anderem:

  • Gestillte Kinder befinden sich häufiger im Traumschlaf (REM-Schlaf), der für ihre Entwicklung von grosser Bedeutung ist.

  • Es ist von der Natur so vorgesehen, dass ein Säugling in kurzen Abständen rund um die Uhr trinkt. Muttermilch ist sehr rasch verdaut und die Wachstumshormone werden vor allem nachts ausgeschüttet. Die Grösse des kindlichen Gehirns verdoppelt/verdreifacht sich im ersten Lebensjahr.

  • Nächtliches Stillen erhöht den Prolaktinspiegel (Prolaktin = Stillhormon) der Mutter und fördert die Milchproduktion. Ein Kind, das auch nachts gestillt wird, gedeiht besser.

  • Längere Stillpausen haben einen Rückgang der Milchmenge zur Folge, was zu einem früheren Abstillen führt.

  • Wenn ein gestilltes Kind in der Nacht mehrere Stunden am Stück nicht an der Brust trinkt, kann dies bei der Mutter zu schmerzhaften und vollen Brüsten bis hin zu einem Milchstau führen.

  • Das Kind erhält neben der Muttermilch zusätzlichen Körperkontakt (Haut-zu-Haut), was sein Wohlbefinden, Körperfunktionen wie Atmung und Herzschlag verbessert und mögliche Schmerzen reduziert.

  • Das Kind erfährt zusätzliche Zuwendung, was seine emotionale Entwicklung begünstigt.

  • Risikokinder für plötzlichen Kindstod sind vor allem in den Tiefschlafphasen dafür gefährdet, dass die Atmung ausfällt. Somit stellt das häufige Aufwachen des Stillkindes einen Schutzfaktor dar.

Eltern, deren Kind trotz Stillen früh schon durchschläft, müssen deswegen nicht befürchten, es entwickle sich nun nicht gut genug. Wenn seine Gewichtsentwicklung zufriedenstellend und die Mutter über genügend Milch verfügt, dürfen alle die nächtliche Ruhe entspannt geniessen. Noch sollen sich Eltern, deren Kind aus irgendeinem Grund nicht gestillt werden kann, schuldig fühlen. Liebevolle, nächtliche Zuwendung (das ist meiner Meinung nach das Wichtigste der ganzen Thematik) ist genauso sehr bei einem nicht-gestillten Kind möglich. Ausserdem kann heute auch künstliche Säuglingsmilch nach Bedarf gegeben werden. Jedoch ist dabei gerade nachts der Aufwand wesentlich grösser.

Vielen Dank, Sibylle, für deine Ausführlichen Antworten! Weitere Infos zum Thema Kinderschlaft findet Ihr auch auf ihrer Homepage kindernächte.ch.

 

Abschließend muss ich sagen, dass ich dieses „Hinauszögern“ bzw. „die späte feste Mahlzeit“ nicht nur unethisch, sondern auch unlogisch finde. Ziel ist es doch laut JKKSL, dass das Kind einmal (wörtlich) zu einer „vernünftigen Zeit“ – also so, dass die Eltern noch ihren „Feierabend“ zu zweit genießen können – ins Bett geht und dort 10-12 Stunden ohne Murren verbringt. Ich verstehe also nicht, warum dem Kind erst eine Mahlzeit und Hunger auf sagen wir 23 Uhr antrainiert wird, welche dann später wieder mühsam abtrainiert werden soll. Aber das ist nur einer von so vielen Widersprüchen im Buch.

…Fortsetzung folgt.

Hier geht`s übrigens zur Petition für ein Ende von JKKSL.

***

Leave a Reply


× 7 = sechzig drei